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Große Erkenntnisse der modernen Wissenschaft entstehen oft an unerwarteten Orten. Albert Einstein brauchte dafür ein Schweizer Patentamt, der Hamburger Landtagsabgeordnete Sandro Kappe (CDU) und Detlef Hartmann vom Arbeitskreis „Denk-Mal“ lediglich eine Baustelle am Alten Teich in Bramfeld. Dort ist ihnen ein sprachphilosophischer Durchbruch gelungen, der unser Verständnis von Raum, Zeit und Baustofflehre für immer verändern könnte.
Musterbeispiel für diese neuartige Bramfelder Quantenmechanik ist der Landtagsabgeordnete Sandro Kappe. In einer aktuellen Mitteilung übernimmt er die Ausflüchte des von der Ampelkoalition geführten Bezirksamts völlig unkritisch und erklärt den Anwohnern: „Nach aktueller Auskunft liegt weiterhin kein Verzug im Bauablauf vor.“ Um nur zwei Absätze weiter trocken festzustellen: „Damit verschiebt sich die Fertigstellung gegenüber der noch im Juli genannten Planung um rund einen Monat.“
Man muss vor dieser sprachlichen Akrobatik den Hut ziehen. Kappe demonstriert in Perfektion, was er an der Robert-Habeck-Rhetorikschule gelernt hat: Es gibt keinen Verzug, die Fertigstellung verschiebt sich nur um vier Wochen nach hinten.
Märchenstunde im Lokalblatt
Hand in Hand mit dieser Zeitdehnung geht die wunderbare Erzählung des Mit-Initiators Detlef Hartmann. Im Hamburger Wochenblatt unter dem bezeichnenden Titel „Spätes Störfeuer“ versicherte dieser kürzlich polternd, die Arbeiten gingen „gut voran“. Das Wandsbeker Rathaus legte nach und ließ drucken, dass „ohne Unterbrechung weiter gebaut werde“.
Dass auf der Baustelle Wochen lang gähnende Leere und absoluter Stillstand herrschten, was das Bezirksamt später charmant als „Aushärtezeit“ deklarierte? Reine Einbildung der Anwohner! Damit diese beruhigende Botschaft die Bramfelder Bürger bloß nicht verunsichert, wurde der Artikel vorausschauend in der Wandsbeker Lokalausgabe der Zeitung platziert – und nicht etwa in der für Bramfeld zuständigen Ausgabe. Man möchte den Betroffenen vor Ort die frohe Kunde schließlich nicht direkt aufdrängen.
Der Schotter-Zauber vom Alten Teich
Doch Herr Hartmann legte im Wochenblatt-Interview noch eine Schippe drauf. Die Kritik an der Bodenversiegelung wischte er als „nicht stichhaltig“ beiseite und verkündete stolz: „Entgegen dem ursprünglichen Entwurf des Bezirks haben wir statt Beton eine Gründung auf Schotter durchgesetzt.“

Das ist beruhigend zu wissen. Die tiefen Fundamentschächte, die massiven Eisenarmierungen und die graue Masse, die dort den Boden versiegelt, müssen folglich aus biologisch abbaubarem Pappmaché bestehen. Besonders magisch wird das Schauspiel, wenn man heute an den Bauzaun tritt: Dort rollt ein riesiger, gelber Lkw der Firma „Alster Beton“ an, um seine Trommel direkt über den Schächten zu entleeren. Ein tonnenschwerer Mischer auf einer Baustelle, die ohne Beton auskommt – das ist hohe Zauberkunst. Womöglich transportiert das Fahrzeug in Wahrheit nur verflüssigtes Papier zur Beruhigung der Anwohnerseelen. Ein Denkmal für die Ewigkeit. Aber eben nicht für immer.
Die neue Bramfelder Alltagslogik
Nach dieser neuartigen Logik eröffnet sich für den Alltag der Bürgerinnen und Bürger ein völlig neuer Horizont an Ausreden und Beruhigungspillen:
- Im Supermarkt: Die Butter ist nicht teurer geworden. Sie verlangt nur einen höheren Geldbetrag für ihre Anwesenheit im Kühlregal.
- Beim HVV: Der Bus hat keine Verspätung. Er nutzt die verbleibende Zeit vor der Ankunft lediglich für eine erweiterte Streckenmeditation.
Wer nach einfacher Arithmetik vier Monate Bauzeit auf das offizielle Schild „Ende April“ aufrechnet, landet zwar im August – aber wer braucht schon Mathematik, Kalender und Beweisfotos vor Ort, wenn er politische Semantik haben kann?

Die Bramfelder können sich glücklich schätzen. Früher dachte man, wenn eine Baustelle ruht, Versprechungen gebrochen werden und Lkw einer Betonfirma im Halteverbot stehen, handele es sich um ein Transparenzproblem. Heute wissen wir: Es ist alles völlig im Plan. Der Plan ist nur elastisch, und der Betonmischer bringt in Wahrheit wahrscheinlich nur flüssigen Blumendünger für die Wiese, die erst im Spätherbst wieder betreten werden darf.
Christian Ehrhorn







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