Foto: Christian Ehrhorn
Er ist der größte Parkfriedhof der Welt: Der Friedhof Ohlsdorf. Ein Ort der Ruhe und des Gedenkens. Daneben ist er auch eine der beliebtesten Grünanlagen in der Stadt. Dieser Aspekt führt in der letzten Zeit immer wieder zu Konflikten zwischen Trauer und Freizeit.
Es sind Szenen, die fassungslos machen. Während eine Trauergemeinschaft unter Tränen über den Friedhof geht, ertönt von hinten ein schrilles Klingeln. Rasende Fahrradfahrer in Rennmontur scheuchen die Trauernden auseinander. Kurz danach schlängeln sich Jogger zwischen den Weinenden hindurch. Nicht weit entfernt sitzt jemand mit einem Lautsprecher und spielt laut Songs von ABBA. Dieses Verhalten zeigt eines sehr eindrücklich: Aus dem geschützten Raum für Trauer ist längst ein Naherholungs- und Sportgebiet geworden. Und das, obwohl in der Friedhofsordnung das Radfahren und Sporttreiben innerhalb der Friedhofsbereichs ganz klar verboten ist.
Friedhofsverwaltung kapituliert
„Der Friedhofsverwaltung sind diese Missstände bekannt. Angehörige und Bestattungsinstitute beschweren sich regelmäßig darüber“, erklärt uns Lutz Rehkopf, der Pressesprecher der Hamburger Friedhöfe, und führt weiter aus: „Es wurden über Jahrzehnte hinweg Schilder in großer Anzahl gegen verschiedene Ordnungswidrigkeiten und Verstöße aufgestellt und „rotiert“, also thematisch und jahreszeitlich nach Aufkommen der Verstöße gewechselt: Gegen Hunde, Rennrad- und Trainingsfahrten, Bronzediebstahl, Geschwindigkeitsüberschreitungen, Skaten, Sport, Joggen und Angeln. Der Erfolg dieser Verbotsbeschilderung ist nicht nur überschaubar, er geht gegen Null. […] Im Ergebnis kann eine Friedhofsverwaltung nicht ausgleichen, was gesamtgesellschaftlich an Respekt und Einfühlungsvermögen verloren geht.“ Zudem sei laut Herrn Rehkopf die Polizei, genauer das PK36 für die Überwachung des Friedhofs zuständig.
Polizei dementiert Zuständigkeit
Darauf angesprochen teilte uns die Pressestelle der Polizei mit: „Die zuständigen Stadtteilpolizistin wurde von der Friedhofsverwaltung informiert, dass in den vergangenen Wochen Jugendliche Alkohol konsumieren und laute Musik an einer Kapelle hören sollen. Im Hinblick auf Verkehrsverstöße durch Zweiräder / eKF [Elektrokleinstfahrzeuge] wurden den Stadtteilpolizisten vereinzelt Beschwerden zugetragen, dass Radfahrende mit nicht angemessener Geschwindigkeit über das Friedhofsgelände fahren. Unsere Beamtin hat nochmal dahingehend sensibilisiert, dass die Betroffenen und auch die Mitarbeitenden des Friedhofs unmittelbar und niedrigschwellig die Polizei informieren sollen und auch keine Scheu beim Polizeinotruf 110 haben sollen.“ Darüber hinaus stellte die Polizei jedoch klar: „Für die Einhaltung der Vorschriften auf Friedhofgeländen ist die Polizei Hamburg im Sinne einer Verwaltung nicht die originär zuständige Behörde.“

Foto: Christian Ehrhorn
Wer die Leute auf ihr Fehlverhalten und die geltende Friedhofsordnung hinweist, erntet meist Unverständnis, teilweise auch Beschimpfungen. Dies betrifft zum größten Teil die Radfahrer auf dem Friedhofsgelände. Das bestätigt ebenfalls der Bestatter GBI, auch wenn man es dort als Ausnahme sieht: „Die von Ihnen geschilderten Beobachtungen können wir in Teilen nachvollziehen. Auch unsere Mitarbeitenden erleben auf dem Friedhof Ohlsdorf gelegentlich Situationen, in denen Besucher, Radfahrer oder E-Scooter Fahrer nicht von selbst anhalten, wenn ein Trauerzug ihren Weg kreuzt oder ihnen entgegenkommt. In seltenen Fällen reagieren einzelne Personen auf einen freundlichen Hinweis unserer Mitarbeitenden auch mit Unverständnis.“
ADFC sieht Schuld bei Autofahrern
Aus diesem Grund befragten wir den Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Hamburg zu dem Verhalten der Zweiradfahrer in diesem Gebiet. „Von Konflikten zwischen Fußgänger:innen bzw. Friedhofsbesucher:innen und Radfahrer:innen ist uns bislang nichts bekannt“, schrieb uns der Pressesprecher des ADFC. „Was uns bekannt ist, dass es durch illegalen, überflüssigen und störenden Kfz-Durchgangsverkehr ohne Aufenthalt immer wieder zu Gefährdungen anderer Verkehrsteilnehmer:innen in Ohlsdorf kommt. Wir setzen uns hier für eine Lösung mit Eingangsgeschranken ein, die diesen unnötigen Verkehr vom Friedhof fernhält und endlich auch für angemessene Ruhe und Sicherheit dort sorgt. Hier sehen wir vor allem den Automobilclub ADAC in der Pflicht, seinen Mitgliedern ins Gewissen zu reden.“
Dabei verkennt der Fahrradclub völlig die Realität vor Ort: Während der Autoverkehr zwingend auf die asphaltierten Hauptstraßen beschränkt bleibt, tragen die Sportler die Unruhe direkt an die Ruhestätten. Autos fahren nicht über unbefestigte Nebenwege und zwischen den Gräbern umher – rücksichtslose Radfahrer und Läufer hingegen schon.
Hamburger Verkehrspolitik schweigt
Zu diesem Thema haben wir zusätzlich die verkehrspolitischen Sprecher der verschiedenen Fraktionen kontaktiert. Von allen Parteien kommt dazu keinerlei Reaktion.
Fazit: Die Trauernden bleiben alleine
Das Ergebnis der Recherche ist ernüchternd. Die Friedhofsverwaltung hat kein Geld für Kontrollen, die Polizei verweist auf ihre Unzuständigkeit und den Notruf 110, und die Politik stellt sich tot. Zurück bleiben Hamburger, denen in den schwersten Stunden ihres Lebens der respektvolle Raum zum Trauern genommen wird. Wenn Ohlsdorf eine Sportarena bleibt, hat die Stadt ein Stück ihrer Menschlichkeit verloren.
Christian Ehrhorn







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