| Politik | Kultur | Leben | Sport | Verlag


Silvester in Hamburg: Zwischen Tradition, Schutz und neuen Debatten um Böllerverbot

Wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt, ent­zün­det sich in Ham­burg tra­di­tio­nell eine inten­si­ve Debat­te über die Fra­ge: Wie viel Feu­er­werk ver­trägt die Han­se­stadt? Wäh­rend die poli­ti­sche Dis­kus­si­on auf Bun­des­ebe­ne über recht­li­che Grund­la­gen andau­ert, lie­gen für Ham­burg inzwi­schen gewich­ti­ge und teils kon­trä­re Stel­lung­nah­men von Par­tei­en, Poli­zei­ge­werk­schaf­ten, Feu­er­wehr, Natur- und Tier­schüt­zern vor. Der Ham­burger Herold fasst die unter­schied­li­chen Posi­tio­nen im Detail zusam­men.

SPD und Linke: Mehr Spielräume und punktuelle Verbotszonen

Die SPD-Frak­ti­on plä­diert für einen prag­ma­ti­schen Kurs. Für vie­le Ham­bur­ger gehö­re das Feu­er­werk zu Sil­ve­ster zwar dazu, beton­te der Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Dirk Kien­sch­erf. Wo vie­le Men­schen auf engem Raum zusam­men­kom­men, ber­ge jedoch schon ein ein­zel­ner Böl­ler erheb­li­che Gefah­ren. Die SPD befür­wor­tet daher mehr recht­li­chen Spiel­raum für Städ­te und Kom­mu­nen auf Bun­des­ebe­ne und unter­stützt die lau­fen­den Prü­fun­gen der Innen­be­hör­de für zusätz­li­che, klar erkenn­ba­re Ver­bots­zo­nen – wie sie bereits an Bin­nen­al­ster und Rat­haus­markt bestehen. Auch zen­tra­le Licht- oder Droh­nen­shows wer­den als attrak­ti­ves Ange­bot für Fami­li­en gese­hen, sofern Orga­ni­sa­ti­on, Sicher­heit und Finan­zie­rung geklärt sind.

Ähn­lich, aber noch schär­fer in der Abgren­zung, bewer­tet Die Lin­ke die Situa­ti­on. Die For­de­rung nach einem Ver­bot hält die Frak­ti­on für berech­tigt. Da eine flä­chen­decken­de Rege­lung im aktu­el­len Spreng­stoff­ge­setz noch fehlt, setzt sich Die Lin­ke für eine deut­li­che Aus­wei­tung bestehen­der Ver­bots­zo­nen rund um Kran­ken­häu­ser, Hei­me, Kir­chen und brand­ge­fähr­de­te Gebäu­de sowie neu auch um Tier­hei­me und Zoos ein. Das Argu­ment der „Tra­di­ti­on“ las­sen die Lin­ken nicht gel­ten, da Müll­ber­ge, im Dau­er­ein­satz befind­li­che Ret­tungs­kräf­te und in Panik ver­setz­te Tie­re dage­gen­sprä­chen. Als Alter­na­ti­ve for­dert die Par­tei kosten­freie, öffent­li­che Sil­ve­ster­fei­ern mit Licht- oder Droh­nen­shows in allen Bezir­ken.

FDP: Klare Absage an Verbote und Appell an Eigenverantwortung

Einen strik­ten Gegen­pol bil­det die FDP Ham­burg. Lan­des­ge­schäfts­füh­re­rin Jule M. Dom­hardt erteil­te pau­scha­len Böl­ler­ver­bo­ten eine kla­re Absa­ge. Die Frei­en Demo­kra­ten appel­lie­ren statt­des­sen an die Eigen­ver­ant­wor­tung der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, ver­ant­wor­tungs­be­wusst mit pri­va­tem Feu­er­werk umzu­ge­hen. Zwar müss­ten gel­ten­de Geset­ze – ins­be­son­de­re gegen ille­ga­les Feu­er­werk ohne Zulas­sung, Sach­be­schä­di­gung oder Angrif­fe auf Ein­satz­kräf­te – in der Sil­ve­ster­nacht kon­se­quent mit der Här­te des bestehen­den Rechts geahn­det wer­den, neue Ver­bo­te lehnt die FDP jedoch ab.

Realität auf Hamburgs Straßen: Wenn aus „einmal im Jahr“ Wochen werden

Wäh­rend Befür­wor­ter von pri­va­tem Feu­er­werk argu­men­tie­ren, die Böl­le­rei fin­de schließ­lich „nur ein­mal im Jahr“ statt, sieht die Rea­li­tät in den Ham­bur­ger Quar­tie­ren längst anders aus. Kri­ti­ker und Anwoh­ner ver­wei­sen dar­auf, dass von die­sem engen zeit­li­chen Rah­men in der Pra­xis kaum noch die Rede sein kann: Oft wird bereits ab Hal­lo­ween bis weit in den Janu­ar hin­ein unkon­trol­liert und mas­siv geböl­lert.

Dabei wird oft ver­ges­sen oder igno­riert, was die Stadt Ham­burg ohne­hin vor­schreibt: Das Abbren­nen von klas­si­schem Sil­ve­ster­feu­er­werk (Kate­go­rie F2) ist im gesam­ten Stadt­ge­biet strikt auf die Zeit vom 31. Dezem­ber um 18:00 Uhr bis zum 1. Janu­ar um 01:00 Uhr begrenzt. Wer außer­halb die­ses Fen­sters zün­delt, begeht bereits eine Ord­nungs­wid­rig­keit. Doch genau hier zeigt sich das Haupt­pro­blem: Die stren­gen zeit­li­chen Regeln sind vie­len ent­we­der nicht bekannt oder wer­den von Tei­len der Bevöl­ke­rung bewusst igno­riert – mit der Fol­ge, dass die Bela­stung für Mensch, Tier und Umwelt mas­siv über den eigent­li­chen Jah­res­wech­sel hin­aus­ge­dehnt wird.

Feuerwehr und Polizeigewerkschaften: Hunderte Einsätze, illegale Böller und Hotspots

Einen tie­fen Ein­blick in die Aus­nah­me­zu­stän­de der Sil­ve­ster­nacht geben jene, die im Dienst an vor­der­ster Front ste­hen. Laut Pres­se­spre­cher Stef­fen Malz ver­zeich­net die Feu­er­wehr Ham­burg in der Sil­ve­ster­nacht regel­mä­ßig weit über 1.000 Ein­sät­ze – ein Viel­fa­ches des täg­li­chen Durch­schnitts, getrie­ben durch gro­ße Men­schen­men­gen, Alko­hol­kon­sum und Feu­er­werks­un­fäl­le. Um dem Herr zu wer­den, stockt die Feu­er­wehr ihr Per­so­nal und Mate­ri­al im Vor­feld stark auf. Beson­ders gewarnt wird vor ille­ga­len Feu­er­werks­kör­pern: Die­se ent­hal­ten unkon­trol­lier­te Spreng­stoff­men­gen und unge­norm­te Zünd­zei­ten, was sie zu einer unbe­re­chen­ba­ren Gefahr für Ver­wen­der und Umste­hen­de macht. Die Feu­er­wehr begrüßt bestehen­de Ver­bots­zo­nen, sieht die Dis­kus­si­on über wei­ter­ge­hen­de Ver­bo­te jedoch pri­mär in der Hand der Poli­tik.

Die DPolG (Deut­sche Poli­zei­ge­werk­schaft) ergänzt dies um die Sor­ge vor zuneh­men­den Angrif­fen und Respekt­lo­sig­kei­ten, bei denen gezielt Böl­ler mit enor­mer Spreng­kraft oder Feu­er­werks­bat­te­rien auf Ein­satz­kräf­te gewor­fen wer­den. Auch der unkon­trol­lier­ba­re Online-Han­del, das Dark­net und bil­li­ger Import aus dem Aus­land ver­schär­fen die Lage. Ver­bots­zo­nen wer­den von der Poli­zei als sinn­vol­les Mit­tel bewer­tet, um Hot­spots zu ent­schär­fen und Durch­su­chun­gen zu erleich­tern.

Tierschutz und BUND: Panik, Ökosysteme und der Ruf nach Alternativen

Mas­si­ve Beden­ken äußern auch die Natur- und Tier­schutz­ver­bän­de. Der Ham­bur­ger Tier­schutz­ver­ein (HTV) warnt vor pani­schen Reak­tio­nen bei Haus- und Wild­tie­ren, die von töd­li­chem Herz­ra­sen bei klei­nen Tie­ren und Vögeln bis hin zu flüch­ten­den Haus­tie­ren rei­chen.

Der BUND Ham­burg ergänzt die­sen Blick um die öko­lo­gi­sche Kom­po­nen­te: Ins­be­son­de­re Wild­tie­re, Amphi­bi­en und die zahl­rei­chen Was­ser­vö­gel an Alster und Elbe lei­den unter dem unkon­trol­lier­ten Lärm. Vögel wer­den nachts von ihren Schlaf­plät­zen auf­ge­schreckt, ver­brau­chen im Win­ter lebens­wich­ti­ge Ener­gie­re­ser­ven und ris­kie­ren fata­le Kol­li­sio­nen mit Gebäu­den. Zudem bela­sten Che­mi­ka­li­en und gigan­ti­sche Müll­men­gen über Stra­ßen und Grün­flä­chen auch die Ham­bur­ger Gewäs­ser und Laich­ge­bie­te.

Sowohl HTV als auch BUND spre­chen sich daher klar für ein Ende der pri­va­ten Böl­le­rei aus. Klei­ne­re Alter­na­ti­ven wie Tisch­feu­er­werk oder Wun­der­ker­zen sowie städ­tisch orga­ni­sier­te, mög­lichst geräusch­ar­me Licht­in­stal­la­tio­nen statt lau­ter Höhen­feu­er­wer­ke wer­den als zukunfts­fä­hi­ge Wege für ein fried­li­ches Fei­ern ohne Last für Natur und Tie­re gese­hen.

Fazit

Die Debat­te um das Böl­lern in Ham­burg zeigt einen tie­fen Riss zwi­schen dem Wunsch nach indi­vi­du­el­lem Brauch­tum und den rea­len Bela­stun­gen für Stadt, Sicher­heit und Natur. Wäh­rend die Poli­tik zwi­schen libe­ra­ler Eigen­ver­ant­wor­tung und dem Ruf nach mehr Regu­lie­rung ringt, machen Ein­satz­kräf­te, Tier­schüt­zer und Anwoh­ner deut­lich, dass das Pro­blem längst über den eigent­li­chen Jah­res­wech­sel hin­aus­wächst. Ob am Ende stren­ge­re Ver­bots­zo­nen oder krea­ti­ve Alter­na­ti­ven wie Licht­shows das Ruder rum­rei­ßen wer­den, hängt nicht zuletzt davon ab, wie kon­se­quent bestehen­des Recht in Zukunft durch­ge­setzt wer­den kann.

Chri­sti­an Ehr­horn