Foto: Christian Ehrhorn
Der Umbau am Bramfelder Ehrenmal entwickelt sich zum politischen Skandal.
Still blickt der steinerne Soldat über die Wiese am Alten Teich im Bramfeld und beobachtet das Geschehen. Schaufel um Schaufel entfernt ein Bagger die Rasenfläche. Für viele Anwohner im Stadtteil Bramfeld ist jeder Halm ein schmerzlicher Verlust. Es ist ihre Erholungsoase. In einer Siedlung, in der Terrassen rar gesät sind, ersetzt die Grünanlage den Garten. Unbeeindruckt davon, fasste das Projekt „Denk Mal!“ einen Entschluss: Dem Denkmal am Alten Teich muss etwas entgegengesetzt werden. Grund dafür ist die Geschichte des steinernen Soldaten.
Ein düsterer Teil Bramfelder Geschichte
Das Ehrenmal wurde im Jahr 1935 zu Ehren der gefallenen Soldaten im Ersten Weltkrieg erbaut. Es war auch das Jahr der Einführung der „Nürnberger Gesetze“, also jenem Fundament für die Zerstörung der jüdischen Existenz. So galt das Ehrenmal nicht nur als Ort der Erinnerung, es diente der Vorbereitung und Mobilmachung für den Zweiten Weltkrieg. Die Aufmachung des Denkmals entspricht ganz der NS-Ästhetik: Massiv, übermächtig und für die Ewigkeit.
Unterstützung für ihren Plan, dem Ehrenmal etwas entgegenzusetzen, fand das Projekt „Denk Mal!“ in den Fraktionen der SPD, Grünen und Linken. Gemeinsam schrieben sie einen Designwettbewerb aus, um einen passenden Entwurf für ein Gegendenkmal zu finden. Diesen gewann eine Innenarchitektin aus Bramfeld. Ihr Entwurf: Für eine halbe Millionen Euro entsteht eine schwere und breite Betonrampe mit Sitzbänken, welche den Betrachter auf Augenhöhe mit dem steinernen Soldaten bringen soll. Davor breitet sich ein großes Schotterfeld aus, auf dessen Fundament 53 bis zu sechs Meter hohe verkohlte Holzstelen emporragen, welche den Blick auf den Soldaten versperren sollen. Ein paradoxer Entwurf. Nicht nur, weil sich viele Anwohner die Frage stellen, warum einen die Rampe auf Augenhöhe mit den Soldaten heben soll, wenn die Aussicht dann von Holzstelen verdeckt wird. Auch wirkt es sonderbar, dass das Gegendenkmal, ob gewollt oder nicht, mit massivem Beton und seiner dominanten Wirkung der NS-Ästhetik treu bleibt, anstatt diese zu durchbrechen.
Sprache statt Beton
In einem Dossier erklärt die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), wie wichtig Sprache für die Kontextualisierung derartiger Denkmäler ist. Dort wird die Ineffizienz von Betondenkmälern aufgezeigt und eine zerstörungsfreie historische Einordnung durch Schilder empfohlen. Genau das fordert auch eine Bürgerinitiative. Unter dem Motto „Natur statt Beton“, ist es ihr Anliegen, die für die Nachbarschaft und Fauna wichtige Wiese zu retten und dennoch das Ehrenmal auf moderne Weise in einen historischen Kontext zu setzen. Während ein Gegendenkmal aus Beton, welches bewusst ohne Text gestaltet wird, keinerlei Informationen über die Historie wiedergibt, würden Schilder hier eine breite Palette an Möglichkeiten bieten. Neben dem einfachen Aufdruck von aufklärenden Texten, gelänge es über QR-Codes, Informationen in verschiedenen Sprachen zu vermitteln oder für Personen mit Sehbehinderungen vorlesen zu lassen.
Wie gefährlich ein Verzicht auf differenzierten historischen Kontext ist, zeigt sich in der aktuellen politischen Landschaft. Während die lokale Fraktion der Linkspartei vehement ein Gegendenkmal fordert, sehen wir in anderen Teilen eben dieser politischen Strömung eine erschreckende Geschichtsvergessenheit. Es betrifft den Nahostkonflikt, in dessen Zuge eine extreme linke Gruppierung soweit geht, Israel und somit dem jüdischen Volk das Existenzrecht abzusprechen. Ebenso wie die Nazis im Jahr 1935, dem Baujahr des Ehrenmals.
Die Mär von Neonazis
Eines der Hauptargumente der Befürworter des Gegendenkmals ist die Erzählung, dass das Ehrenmal ein regelmäßiger Treffpunkt von Neonazis wäre. Dem widersprechen Anwohner vehement. „Es ist schon mindestens 15 bis 20 Jahre her, dass die sich das letzte Mal hier getroffen haben!“, sagt Jürgen S.
Wir wollten es genau wissen und fragten bei der Polizei Hamburg nach. „Bezüglich Ihrer Anfrage zu möglichen Einsätzen an der Örtlichkeit ‚Alter Teich‘ im Stadtteil Bramfeld kann ich Ihnen mitteilen, dass der Polizei keine Erkenntnisse über Treffen oder Versammlungen im Sinne Ihrer Fragestellungen vorliegen“, erklärte Polizeipressesprecherin Laura Wentzien. „Darüber hinaus hat es in den vergangenen fünf Jahren auch keine Anmeldungen bei der Versammlungsbehörde gegeben.“
Die Zeitangabe von fünf Jahren kommt dabei nicht von ungefähr. Es ist die Prüf- und Speicherfrist von Einsätzen der Hamburger Polizei. Somit entlarvt diese Antwort das Argument der Nazitreffen als ein politisch konstruiertes Schreckgespenst.
Auch Ruhestörungen habe es laut der Polizei seit drei Jahren am Alten Teich nicht mehr gegeben. Dies ist insofern interessant, dass sich auf der Wiese am Ehrenmal bis vor ein paar Jahren noch Bänke befanden. Nach vermehrten nächtlichen Ruhestörungen wurden diese jedoch vom Bezirksamt entfernt.
Die auf dem Gegendenkmal geplanten Bänke aus Beton werden sich im Falle wiederholter Störungen nicht so einfach beseitigen lassen.
Erinnerungskultur vs. Umweltschutz
Nach fast 10 Jahren Verzögerung sollte der Bau im April dieses Jahres beginnen. Mitten in der Brut- und Setzzeit. Aber dies war nicht der einzige Punkt, welcher der Bürgerinitiative sauer aufstieß. Seit 2025 folgt die Stadt Hamburg dem Schwammstadt-Konzept. Dies soll bei Starkregenereignissen Überschwemmungen verhindern. Dabei soll der Regen möglichst dort aufgenommen werden, wo er fällt. Das bedeutet, möglichst wenig versiegelte Flächen. Auf der Bezirksversammlung des Bezirks Wandsbek wurde dieses Thema angesprochen. Der Fraktionsvorsitzende der SPD, Mark Buttler, sagte dazu: „Der Bau verstößt nicht gegen das Schwammstadtkonzept. Wenn dem so wäre, könnten wir auch keine Häuser und keine U-Bahn bauen!“ Damit setzt Buttler das Gegendenkmal mit kritischer Infrastruktur gleich und entlarvt das Schwammstadt-Konzept als reines Alibi-Konzept.
Auch verweist die Bürgerinitiative auf die Doppelmoral, die mit Bau des Gegendenkmals einhergeht. Einerseits wurde die Stadtteilschule Bramfeld im Jahr 2025 von Hamburgs zweiter Bürgermeisterin und Grünen-Senatorin Katharina Fegebank für die Entsiegelung von fast 1.000 Quadratmeter Fläche ausgezeichnet. Auf der anderen Seite werden am Alten Teich nun über 200 Quadratmeter wieder versiegelt. Und nicht nur das: Während Privatleuten nach § 9 der Hamburgischen Bauordnung das Anlegen von noch so kleinen Schottergärten unter Strafe verboten ist, legt die Stadt hier ein riesiges Schotterfeld an.
Auch wenn es der Bürgerinitiative nicht gelang, den Bau des Gegendenkmals zu stoppen, erreichten sie ein Artenschutzgutachten der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA). Dieses kam zu dem Schluss, dass durch den Bau die nistenden Vögel am alten Teich nicht gestört werden würden. Lediglich die Gehölze rund um die Wiese am Denkmal sollten verschont bleiben, da dort laut Gutachter seltene Vögel brüten, und ein Zaun zum Schutz der Amphibien aufgestellt werden. Dazu führte der Senat in einer kleinen Anfrage der wandsbeker CDU-Fraktion aus: „Es sind keine negativen Auswirkungen auf das lokale Mikroklima zu erwarten, da die angrenzenden Gehölzbestände vollständig erhalten bleiben. […] Eine erhebliche Störung der Brut-, Gast-, und Rastvögel wurde gutachterlich ausgeschlossen, sodass für die Artengruppe der Vögel keine Vermeidungs-, Ausgleichs- oder Ersatzmaßnahmen erforderlich werden. Für die Artengruppe der Amphibien muss als Vermeidungsmaßnahme ein Amphibienschutzzaun aufgestellt und durch eine baubiologische Begleitung betreut werden. Nach der Aufstellung des Zauns können die Arbeiten aus naturschutzfachlicher Sicht beginnen.“

Die vor Baubeginn gezogenen Amphibienschutzzäune (Foto oben) sind nach Baubeginn plötzlich verschwunden (Bild unten). Fotos: privat
Kontrollverlust der Opposition
Kurz danach folgten den Worten auch Taten. Nur wenige Tage später waren die Amphibienschutzzäune rund um den Baustellenbereich installiert. Allerdings nicht vollständig. Ein wichtiger Teil fehlte: die Fangeimer. Denn ohne diese ist der Zaun kein Schutz, sondern eine Todesfalle für die Amphibien. Auf diesen Makel angesprochen, bemerkte die zuständige Angestellte des Bezirksamtes: „Die Vorbereitungen laufen noch, der Schutzzaun ist meines Wissens noch gar nicht vollständig fertiggestellt.“
Ungeachtet dessen wurde der Baustellenbereich abgesperrt und mit den Arbeiten begonnen. Dabei platzierten die Verantwortlichen die Bauzäune so geschickt, dass ein Einblick auf die Baustelle nicht möglich war. Dennoch fanden Anwohner Wege, sich ein Bild von den Vorgängen am Ehrenmal zu machen. Dann der Schock. Die Amphibienschutzzäune rund um die Wiese waren verschwunden. Und noch etwas fiel den Anwohnern sofort ins Auge: Die Gehölze linksseitig der Wiese waren gerodet worden.

Foto: privat
Damit wurden die zwei wichtigsten Bedingungen für einen Baustart einfach ignoriert. Schlimmer noch, in der Kleinen Anfrage wurde gelogen. Eine politische Todsünde. Und ein gefundenes Fressen für die Opposition. Sollte man zumindest meinen. Entgegen aller Erwartungen legt die CDU eine bemerkenswerte Lethargie an den Tag. Während Oppositionen in anderen Bereichen, zum Beispiel im Bundestag, mit gewetzten Messern auf eine solche Chance warten, gibt sie sich in Wandsbek handzahm. Der Inhalt der Kleinen Anfrage wird ohne kritische Auseinandersetzung Wort für Wort übernommen und liest sich so wie ein PR-Beitrag des Bezirksamtes. Spätestens als die eklatanten Widersprüche zwischen den Ausführungen des Senats und der Realität auf der Baustelle aufflogen, hätte sich die CDU als stärkster Gegenpart und Kontrollinstanz der regierenden Fraktionen darauf stürzen müssen. Hintergrundinformationen offenbaren jedoch eine alarmierende Hilflosigkeit in der Oppositionsarbeit. So fragt ein Mitglied der Wandsbeker CDU-Fraktion bei der Bürgerinitiative nach, mit welchen Mitteln er gegen die Nichteinhaltung der Vorgaben durch das rot-grün geführte Bezirksamt vorgehen könne. Auch bezeichnet er die klare Benennung von Fehlern als „zu aggressiv“. Chatverläufe enthüllen die selbst auferlegte politische Ohnmacht. Wie ein Aal wird sich aus der gesellschaftlichen Verantwortung herausgewunden und den Verantwortlichen die Selbstkontrolle überlassen.
Kreislauf der Kontrolle
Ohne Unterstützung der Opposition wandte sich die Bürgerinitiative an die BUKEA, legte Fotobeweise vor und forderte wegen der Nichteinhaltung der durch das Artenschutzgutachten aufgestellten Baubedingungen einen Baustopp. Während das Bezirksamt gegenüber dem Hamburger Abendblatt und in der Kleinen Anfrage noch von schutzbedürftigen Amphibien sprach, erklärte die bei der BUKEA zuständige Mitarbeiterin für Arten- und Biotopschutz zum Fehlen der Amphibienschutzzäune und der Rodung der Gehölze Folgendes: „Für die Baumaßnahme liegt eine naturschutzrechtliche Zulässigkeit vor. Die betroffenen Amphibienarten sind nicht in Anhang IV der sogenannten FFH-Richtlinie gelistet. Das bedeutet, dass das Tötungsverbot nach § 44 Absatz 1 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) in diesem Fall nicht greift. Bei zulässigen Vorhaben sind gemäß § 44 Abs. 5 BNatSchG ausschließlich die in Anhang IV Buchstabe a der Richtlinie 92/43/EWG aufgeführten Tierarten, europäische Vogelarten oder solche Arten, die in einer Rechtsverordnung nach § 54 Absatz 1 Nummer 2 aufgeführt sind, relevant. Dennoch stellen wir sicher, dass die Tiere bestmöglich geschützt und die Eingriffe so gering wie möglich gehalten werden.“
Ein glasklarer Widerspruch zur Antwort der Kleinen Anfrage und zu dem Artenschutzgutachten. Dennoch ist diese Antwort wenig überraschend. Ebenso wie das Bezirksamt steht auch die BUKEA unter der Führung der SPD und der Grünen. Während eine funktionierende Demokratie auf dem System der Gewaltenteilung und gegenseitiger Kontrolle durch die Opposition fußt, erlebt man in Wandsbek aufgrund eines Fehlens eines parlamentarischen Gegenstücks einen Kreislauf der Selbstkontrolle. Jeder bescheinigt dem anderen die Fehlerfreiheit, um den eigenen politischen Stall zu schützen. Ungeachtet jedes logischen Konfliktes. Ohne jegliche Form der Kontrolle entsteht ein rechtsfreier Raum für die Behörden. So geht es im Streit um das Denkmal am Alten Teich nicht mehr nur um den Naturschutz, sondern vielmehr um die Frage, ob die Rechtsstaatlichkeit im Bezirk Wandsbek noch existiert.
Christian Ehrhorn







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